Wieso ist Pokémon Go so erfolgreich?

NACHGELEGT

Die Realität schlägt zurück!

In Basel ist die erste lebende Pokémonart aufgetaucht, die Jagd auf Pokémonjäger macht: Download Clip

NACHGEFRAGT

Wieso ist Pokémon Go so erfolgreich?

Interview mit Prof. Dr. Claus-Peter H. Ernst*

Jörg Petry: Wie kommt es, dass Sie sich als Wissenschaftler mit Pokémon beschäftigen?
Prof. Ernst: Schon die ursprünglichen Pokémon-Spiele auf dem Game Boy waren sehr erfolgreich. Allerdings gab es keine empirischen Studien, welche erklärten, warum gerade diese Spiele so beliebt waren. Daher habe ich im letzten Jahr in einer gemeinsamen Studie mit Alexander Ernst die Erfolgsfaktoren der Pokémon-Spiele untersucht. Unsere Studie „Why People Play Pokémon: The Role of Perceived Belonging“ ist eine der weltweit ersten Untersuchungen, die sich wissenschaftlich mit dem Phänomen „Pokémon” auseinandersetzt. Die Ergebnisse wurden bei der Americas Conference on Information Systems 2015 vorgestellt und der zugehörige Forschungsartikel im Rahmen des begleitenden Tagungsbands veröffentlicht [Download abstract].

Jörg Petry: Können Sie etwas zur Besonderheit von Pokémon Go sagen?
Prof. Ernst: Das aktuelle Spiel zählt zu den erfolgreichsten mobilen Videospielen. Es konnte Millionen von Nutzerinnen und Nutzern in nur wenigen Tagen erreichen und ist in der Lage, generationsübergreifend zu begeistern.

Jörg Petry: Worin liegt der besondere Reiz dieses Spiels für Jugendliche?
Prof. Ernst: Für die jüngeren Spieler und Spielerinnen ist Pokémon u. a. bereits durch den Nintendo 3DS bekannt. Bei ihnen steht wahrscheinlich Spaß, Wettkampf und ein Teil des Hypes zu sein im Vordergrund.

Jörg Petry: Es scheinen sich aber auch viele Erwachsene dafür zu interessieren?
Prof. Ernst: Auch die älteren Spieler und Spielerinnen kennen die Pokémon-Figuren schon aus ihrer Kindheit und Jugend durch Game Boy, Anime und Sammelkartenspiel. Für sie spielt das Schwelgen in Nostalgie eine wichtige Rolle. Hinzu kommt der gefühlt große technologische Sprung durch die Umsetzung mittels Augmented Reality (die computergestützte Erweiterung der Realität).

Jörg Petry: Worin besteht der gemeinsame Reiz dieses Angebotes?
Prof. Ernst: Spieler und Spielerinnen begegnen sich zufällig in der realen Welt beim Fangen von Pokémon oder treffen sich gezielt zur Eroberung von Arenen. Somit wird das gemeinsame Erleben und Spielen aus dem Internet wieder in die Realität transferiert und Menschen mit gleichen Interessen einander näher gebracht.

Jörg Petry: Glauben Sie, dass sich die schnelle und immense Verbreitung länger fortsetzen wird?
Prof. Ernst: Bisher ist Pokémon Go noch nicht in allen Ländern erschienen, d. h. hier besteht noch eine Menge Potenzial für den Hype, die damit einhergehenden Erlebnisse der Spieler und Spielerinnen und die entsprechende Berichterstattung in den Medien. Zudem enthält das Spiel bisher nur die ersten 151 Pokémon, so dass für zukünftige Erweiterungen noch mehr als 500 weitere Pokémon zur Verfügung stehen, um den Spielspaß aufrecht zu erhalten. Insgesamt glaube ich daher, dass uns Pokémon Go noch eine ganze Weile begleiten wird.

Jörg Petry: In den Printmedien wird vor den Unfallgefahren gewarnt, die mit dem Umherstreifen der Nutzer verbunden sind. Auf der anderen Seite begrüßen Ärzte den mit dem Spiel verbundenen Bewegungsanreiz. Wie bewerten Sie das Spiel aus Ihrer wissenschaftlichen Perspektive als Ganzes?
Prof. Ernst: Spieler und Spielerinnen, welche während des Spielens nicht auf ihre Umwelt achten, laufen durchaus Gefahr, in Unfälle verwickelt zu werden. Um auf diese potenzielle Gefahr hinzuweisen, mahnt das Spiel jedoch bei jedem Spielstart zur erhöhten Aufmerksamkeit. Zusätzliche Warnhinweise auch während des Spielens in festen Zeitintervallen oder basierend auf dem aktuellen Standorts der Spieler und Spielerinnen (bspw. an bekannten Gefahrenstellen) wären eine weitere Möglichkeit, Unfälle zu verhindern. Nicht zu unterschätzen ist in jedem Fall der Anreiz des Spiels, sich vermehrt zu bewegen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Kinder und Jugendliche im Stadtpark gesehen zu haben, wie in den vergangenen Tagen. So schafft Pokémon Go das, was in diesem Umfang kein anderes Videospiel vor ihm geschafft hat: den Spieler nach draußen zu locken und zu motivieren, die Umgebung zu erkunden.

Jörg Petry: Vielen Dank für dieses Gespräch!

*Prof. Dr. Claus-Peter H. Ernst ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Frankfurt University of Applied Sciences.

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