Vom Gaming zum Gambling: Counter-Strike und Skin-Gambling

KAUM ZU GLAUBEN

Vom Gaming zum Gambling: Counter-Strike und Skin-Gambling
Interview mit Hardi Rosenberg*

Jörg Petry: Der Online-Taktik-Shooter Counter-Strike mit geschätzten 1,3 Mill. aktiven Spielern in Deutschland dürfte inzwischen allgemein bekannt sein. Könnten Sie dennoch kurz den gängigen Spielmodus und die Ingame-Economy beschreiben?

Hardi Rosenberg: Das Spiel Counter-Strike: Global-Offensive (CS:GO) ist das mittlerweile vierte Spiel der Reihe Counterstrike und wurde im Jahr 2012 veröffentlicht. Im Spiel gibt eine Reihe von Spielmodi, der bekannteste und am meisten gespielte ist aber sicherlich der klassische oder kompetitive Modus.

In diesem finden sich zwei Teams bestehend aus jeweils fünf Spielern auf einem begrenzten Spielfeld (kurz: Map) zusammen, deren Ziel es ist 16 Spielrunden zu gewinnen. Zu Beginn jeder Runde starten die Teams an festgelegten Startorten, sogenannten Spawn-Points, auf denen die Spieler die Möglichkeit haben, sich unterschiedlich Waffen und Ausrüstungsgegenstände zu kaufen. Die Spieler haben hierbei ein eingeschränktes Budget, das sie während der Spielrunden durch verschiedene Aktionen und durch Rundengewinne erhöhen können.

Anschließend versucht das Team der Terroristen (oder kurz T´s) eine Bombe auf zwei fest definierten Plätzen der Map abzulegen oder das Team der Antiterroristen (kurz: CT´s) zu eliminieren. Das Team der CT´s versucht das Ablegen der Bomben durch eine vollständige Eliminierung der T´s zu verhindern oder bereits abgelegte Bomben zu entschärfen. Daran schließen sich immer wieder neue Spielrunden an, bis eines der beiden Teams 16 Runden gewonnen hat oder sich beide Teams mit einem Unentschieden (15:15 ) trennen. Zur Halbzeit, also nach 15 Spielrunden, werden die Seiten getauscht.

Jörg Petry: Der Hersteller VALVE vertreibt das Spiel über seine eigene Plattform STEAM. Wie funktioniert das und auf welche Angebote kann der Nutzer zugreifen?

Hardi Rosenberg: STEAM ist eine digitale Vertriebsplattform und Bibliothek für Computerspiele und Software, die darüber hinaus mit Social-Media-Elementen verknüpft ist. Es gibt mehrere Möglichkeiten auf STEAM zuzugreifen. Beispielweise über den Web-Browser oder durch Installation einer Applikation auf dem PC oder mobilen Geräten. Anschließend erhält man ein Benutzerkonto und hat damit Zugriff auf die digitalen Angebote von STEAM. Man erwirbt also immer eine digitale Kopie der Software, die fest mit dem eigenen Nutzerkonto verknüpft ist.

Die Social-Media-Elemente umfassen die Interaktion mit anderen STEAM-Nutzern über Freundeslisten, Nutzerforen und Community-Bereiche; in die sich eigene Inhalte einstellen lassen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, im sogenannten Community-Markt spielbezogene Gegenstände zu kaufen und zu verkaufen.

Jörg Petry: Nun zu unserem eigentlichen Thema: Was sind Skins und wie kann ich sie erhalten?

Hardi Rosenberg Mit dem Erwerb des Spiels CS:GO startet man mit einem festen Satz an Waffen, die optisch in der Regel realen Vorbildern nachempfunden sind. So gibt es im Spiel beispielsweise eine Kalaschnikow AK47 oder auch einen Karabiner M4, die ihren echten Vorbildern sehr ähnlich sehen und den meisten Nutzern durch andere Medien bekannt sind. Auf diesen „Startsatz“ kann der Nutzer in jedem Spiel zugreifen und in der Regel frei daraus wählen.

Im August 2013 brachte VALVE ein Update für CS:GO heraus: Das war rein ökonomischen betrachtet, ein genialer Schachzug. Dieses Update beinhaltete nämlich die Einführung von Skins in das Spiel.

Was also sind Skins? Skins sind im weitesten Sinn eine optische Modifikation der (Hand-)Feuerwaffen. Sie können auf unterschiedliche Art erworben werden, um so das Aussehen der eigenen Waffen im Spiel zu verändern. Besitzt ein Spieler beispielsweise einen entsprechenden Skin für die AK47, sieht diese dann nicht mehr braun-schwarz wie das Original aus, sondern ist z. B. mit blau-weißen Zeichnungen versehen. Besitzt der Spieler noch mehr Skins für die AK47, kann er frei zwischen diesen wählen und vor Beginn jedes Spiels entscheiden, wie seine Waffe für die Dauer dieses Spiels aussieht. Mittlerweile gibt es 477 Skins in dem Spiel, wobei die Zahl stetig ansteigt.

Zu betonen ist, dass es sich hierbei immer nur um optische Modifikationen der Spielmittel handelt. Auf den Ablauf des Spiels und die Fähigkeiten sowie Möglichkeiten der Spieler haben die erworbenen Skins keinerlei Einfluss.

Jörg Petry: Verstehe ich das richtig: Es geht nur um den Besitz einer außergewöhnlich aussehenden Waffe und nicht um einen spielimmanenten Vorteil während des Spielablaufs?

Hardi Rosenberg: Völlig richtig, in der Spielmechanik gibt es keine Veränderungen durch die Skins. Der Spieler hat lediglich die Möglichkeit, das Aussehen seiner (Hand-)Feuerwaffen in einem Spielzyklus zu individualisieren und den eigenen Vorstellungen entsprechend anzupassen.

Es ist in etwa so, wenn Sie heute entscheiden, dass ihnen die Farbe ihres Autos nicht mehr gefällt. Sie gehen also zum Autolackierer und sagen: „Das Schwarz meines Fahrzeugs langweilt mich, könnten sie einen knalligen Farbton für mein Auto auswählen und noch einige Applikationen hinzufügen?“ Wenn sie das Fahrzeug zurückbekommen, ist es mit Sicherheit nicht schneller oder besser bezüglich seiner Fahreigenschaften. Aber eventuell bekommen Sie bewundernde Blicke ihrer Mitmenschen, wenn Sie damit zum Einkaufen fahren.

Ähnlich ist es mit den Skins. Im Idealfall erhalten Spieler eine verstärkte Resonanz durch Mitspieler für ihre außergewöhnlichen Skins.

Jörg Petry: Und wie erhalte ich diese Skins?

Hardi Rosenberg: Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, Skins zu erhalten:

Der erste Weg ist über sogenannte Drops. Diese finden im Spiel nach Beendigung eines Matches statt. Dann erscheint immer eine Übersicht über die Statistiken der Spieler die am Match teilgenommen haben. Parallel zu dieser Übersicht werden Skins angezeigt, die in randomisierter Form dem Inventaren der Spieler hinzugefügt wurden.

Die zweite Möglichkeit sind sogenannte Cases, also Waffenkisten in denen eine Auswahl von Skins versteckt ist. Diese werden wie bei den Skins nach Beendigung der Runde gedropt und dem Inventar der Spieler hinzugefügt. Der Trick hierbei ist, dass der Spieler erst im bereits erwähnten Community-Markt einen Schlüssel für ca. 2,50 € kaufen muss, um den Inhalt der Waffenkiste zu bekommen. Ich zahle also Geld, um die Kiste öffnen zu können und anschließend wird per Zufallsverfahren ein Skin aus dieser Kiste meinem Inventar hinzugefügt.

Der dritte Weg ist der direkte Erwerb von Skins und Cases im Community-Markt. Hier bieten zahlreiche Spieler, aber auch der Anbieter VALVE, Skins an; die gezielt gesucht werden und mit Echtgeld gekauft werden können.

Jörg Petry: Dies bewegt sich ja alles noch im Bereich des Gaming, also dem kompetenzabhängigen Wettbewerb. Aber wie ist nun die Verbindung zum Glücksspielen, d. h. dem vorwiegend zufallsabhängigen Wetten um Vermögenswerte?

Hardi Rosenberg: Die Verbindung zum Glücksspiel entsteht durch einen Missbrauch des Skin-Systems, der lange Zeit von VALVE ignoriert oder gar toleriert wurde. Hierfür entscheidend sind zwei Faktoren:

Zum einen entsteht durch die Handelbarkeit von Skins ein marktwirtschaftlicher Mechanismus der den Skins je nach Beliebtheit und Verfügbarkeit unterschiedliche Preise zuordnet. So gibt es beispielsweise Skins die im Community-Markt für wenige Cent zu erwerben sind. Es gibt aber auch Skins, die mehrere hundert Euro wert sein können. Teilweise wurden Skins bereits für mehrere Tausend Euro gehandelt, was sicherlich für die meisten Menschen absurd erscheint, wenn man bedenkt das es sich hierbei letztendlich lediglich um einige Pixel handelt, die virtuell in irgendeinem Inventar liegen.

Zum anderen gibt es eine Schnittstelle in der Software von STEAM, die es Web-Entwicklern möglich macht, auf STEAM-Daten zuzugreifen und diese für eigene Zwecke zu nutzen. So können Entwickler beispielsweise Webseiten mit erweiterten Statistiken anbieten oder auch die Inventare der einzelnen Spieler für andere Anwendungen zugänglich machen.

Diese Schnittstelle haben sich auch Glücksspielanbieter zu Nutze gemacht, indem sie Spielern gezielt die Möglichkeit geben, ihre Skins als Wetteinsatz für Glücksspiele zu nutzen. Anstelle von Geld setzen die Spieler also einfach ihre Skins, in der Hoffnung, weitere Skins zu gewinnen und dadurch ihr Inventar zu erweitern und natürlich auch wertvoller zu machen.

Jörg Petry: Welche Glücksspielangebote gibt es beim Skin-Gambling und wer sind die Anbieter?

Hardi Rosenberg: Im Großen und Ganzen können fünf verschiedene Arten von Skin- Gambling unterschieden werden:

Es gibt das sogenannte Skin-Betting, das den klassischen Sportwetten ähnelt, nur dass die Spieler ihre Skins auf den Ausgang von Matches im Bereich des E-Sports setzen. Man muss dazu wissen, dass es rund um CS:GO eine große professionelle Szene gibt, die regelmäßig große Turniere ausspielt, die im Netz übertragen und von vielen Spielern verfolgt werden. Und auf eben diese Spiele kann man mit den eigenen Skins eine Wette eingehen.

Weiterhin gibt es Jackpot-Spiele. Dabei setzen die Spieler eine beliebige Anzahl von Skins ein. Aus dem Marktwert der eingesetzten Skins ergibt sich eine prozentuale Gewinnchance der einzelnen Spieler.

Darüber hinaus gibt es Roulette-Spiele, Coin-Flip-Games (Münzwurf-Spiele) und Raffles, d. h. Verlosungen von Skins in die ich mich mit Echtgeld einkaufen kann.

In allen diesen Bereichen gibt es eine Vielzahl von Anbietern, die miteinander konkurrieren und versuchen, den Kuchen unter sich aufzuteilen. Dass dieser Markt alles andere als klein ist, zeigen Schätzungen des Esports Betting Reports, der von einem Gesamtumsatzvolumen von sieben Millarden US-Dollar auf dem Skin- Gambling-Markt ausgeht. Die Anbieter der einzelnen Angebote sind in der Regel sehr klein und es wird selten transparent gemacht, wer hinter diesen Websites steht. Wir haben hier also einen sehr verstreuten und weitestgehend unregulierten Markt.

Jörg Petry: Abschließend noch die Frage nach dem Jugendschutz für die vielen minderjährigen Counterstrike-Gamer und nach den bestehenden Regulierungen dieser Form des Glücksspielens.

Hardi Rosenberg: Wie bereits angesprochen, entzieht sich der Skin-Gambling- Markt weitestgehend der Regulierung durch staatliche Institutionen. Einerseits ist das Phänomen noch sehr neu und trotz der, wie ich finde, beachtlichen Umsatzzahlen relativ klein. Darüber hinaus sorgen die unklaren Besitzverhältnisse der Anbieter und die Vermischung von Gaming und Gambling für Unklarheit darüber, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen überhaupt für diese Angebote gelten.

So gibt es zwangsläufig auch im Bereich des Schutzes von Minderjährigen eklatante Mängel. Fakt ist, dass Skin-Gambling sehr leicht für Minderjährige zugänglich ist. Es gibt wenig bis gar keine Kontrollmechanismen, die für eine adäquate Alterprüfung tauglich wären. Darüber hinaus ist die Hemmschwelle im Zugang zum Gambling durch den Einsatz von Skins stark herabgesetzt. Die Skins haben die Kids ohnehin schon. Warum sie nicht also in der Hoffnung auf eine Vermehrung beim Gambling einsetzen? Daraus ergibt sich in meinen Augen zwangsläufig die These, dass Skin- Gambling den Einstieg in ein problematisches Glücksspielverhalten fördern kann. Und genau das lassen viele Beispiele aus aktuellen Berichten von jugendlichen Nutzern vermuten. (siehe Quellen)

Jörg Petry: Vielen Dank für das Gespräch!

  • Hardi Rosenberg arbeitet als Erzieher und beschäftigt sich seit 1999 mit dem Spiel Counter-Strike

Quellen:

http://www.esportsbettingreport.com/wp-content/uploads/2016/07/A-Guide-To-Skin-Gambling.pdf

http://www.polygon.com/features/2016/7/18/12203534/counter-strike-cs-go-skin-gambling

Beratungs-Hotline 01801-244-222 (Festnetz 3,9 ct./Min. - mobil max. 42 ct./Min. beratung@ahg.de