Viktimisierung junger Menschen im Internet: Leitfaden für Pädagogen und Psychologen.

BUCHREZENSION

Viktimisierung junger Menschen im Internet: Leitfaden für Pädagogen und Psychologen.
Autoren: Frank J. Robertz, Atte Oksanen, Pekka Räsänen.
Springer Fachmedien, Wiesbaden, 2016, 9,99 €

Von Jörg Petry*

Als ein Befund berichten die Autoren, dass 23 % der jungen Menschen in Deutschland Opfer von Online-Hass, Online-Belästigung oder Cybercrime geworden sind. Das vorliegende „Büchlein“ stellt den aktuellen Stand der Diskussion über diesen speziellen Aspekt der Digitalisierung unseres Alltags dar.

Bei den Autoren handelt es sich um einen deutschen Professor für Kriminologie und zwei finnische Professoren für Sozialpsychologie und Wirtschaftssoziologie.

Die kurze Abhandlung umfasst sechs Kapitel über das Ausmaß von schädigenden Online-Aktivitäten und deren Folgen für betroffene Jugendliche und junge Erwachsene und mögliche Schutzmaßnahmen. Dazu gehört auch eine eigene Originalstudie der Autoren. Es findet sich ein umfangreiches Verzeichnis der aktuellen Literatur zur Thematik.

Im Kapitel über „Junge Menschen im Internet“ werden die inzwischen verbreiteten kriminellen oder an Kriminalität grenzenden Aktivitäten im Internet definitorisch systematisiert und es wird die Ausgangslage möglicher Opfer und die Motivation der Täter beschrieben. Die wiederholte Benennung der unter Jugendlichen verbreiteten riskanten Verhaltenweisen und deren schädigenden Folgen als „Kollateralschäden“ dieser Entwicklungsphase wirkt dabei etwas despektierlich.

Im Kapitel „Onlinebasierter Hass“ erfolgt zunächst wiederum eine definitorische Klärung und quantitative Beschreibung des Umfanges der Internetpräsenz von sogenannten Hassgruppen. Darüber hinaus werden alltägliche Formen von Hass als Bestandteil der Kommunikation innerhalb sozialer Netzwerke ebenfalls quantifiziert. Das Kapitel liest sich wie eine etwas trockene Kriminalstatistik.

Im Kapitel „Potentiell schädigende Online-Inhalte“ wird detaillierter auf einschlägige Webseiten zu den Thematiken Essstörungen, Suizid, Selbstverletzungen und Darstellungen von Tötungen, die selbstschädigende Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen vermitteln, eingegangen. Auch diese Darstellung beschränkt sich auf die Beschreibung der Phänomene.

Im Kapitel „Forschungsdaten zur Lage in Deutschland aus länderübergreifender Perspektive“ werden Originaldaten eines repräsentativen Ländervergleichs von Finnland, den USA, Großbritannien und Deutschland mitgeteilt. Die Untersuchung bezieht sich auf die Wahrnehmung der vier oben genannten inhaltlichen Problemfelder und die Viktimisierung durch Online-Hass, Online-Belästigung und Cybercrime. Dabei werden auch die negativen Wirkungen für die Rezipienten erfasst.
Bemerkenswerte Abweichungen der Ergebnisse aus Deutschland werden hypothetisch diskutiert.

Im Kapitel „Ist Sorge berechtigt?“ werden die kurz- und möglichen langfristigen Folgen der Cyber-Viktimisierung für die seelische Gesundheit aufgeführt. Dies wird auf die Entstehung von Angststörungen, Depressionen und Suizidtendenzen bezogen. Dabei wird auf die empirische Literatur verwiesen, allerdings ohne die methodischen Einschränkungen (Bedeutsamkeit der Effekte, fragliche Kausalitätsannahmen) zu reflektieren. Es werden moderierende Faktoren der persönlichen Anfälligkeit bzw. Widerstandsfähigkeit, wie die soziale Einbindung, psychosoziale Problembelastung und individuelle Bewältigungskompetenzen, angeführt.

Im Kapitel „Schutz für junge Menschen im Internet“ werden individuelle und gesellschaftliche Möglichkeiten des Schutzes gegen Online-Hass und problematische Inhalte aufgezeigt. Neben dem Hinweis auf institutionelle Beschwerdestellen und Hilfsangebote liegt die Betonung auf der medienpädagogischen Vermittlung von Medienkompetenz im Sinne einer reflektierten, selbstschützenden Mediennutzung. Dabei treten die lebensweltlichen Belastungen der heranwachsenden Generation (Unvorhersehbarkeit der deregulierten, globalisierten Lebensverhältnisse), die besondere Belastung sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen und die sozial selektiven Bildungsinstitutionen (geringe Durchlässigkeit; fehlende Ganztags- und Gesamtschulen) zu sehr in den Hintergrund.

Fazit

Es handelt sich um eine aktuelle und ausgewogene Darstellung der spezifischen Thematik, die flüssig zu lesen ist. Negativ erscheint der fast durchgehende Verzicht auf eine theoretische Einordnung der beschriebenen Phänomene in aktuelle Modellvorstellungen zur Medienrezeption und –wirkung, insbesondere was die Regulierung medienvermittelter negativen Emotionen betrifft (siehe dazu u. a. die Mood-Management-Theorie und deren Weiterentwicklungen) Positiv ist die durchgehende Aussage, dass die Konfrontation mit potentiell schädigenden Inhalten nicht automatisch zu einer Viktimisierung führen muss und dass die Online-Welt nicht als etwas Getrenntes betrachtet werden sollte, sondern als eine Erweiterung der Offline-Welt zu verstehen ist.

  • Nachveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Omnimed Verlages Hamburg. Aus päd: Praktische Pädiatrie, 22 (4 ), 240 - 241 , 2016.
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