Internet- und Computergebrauch bei Kindern und Jugendlichen: Begründete Gefahr oder übertriebene Befürchtungen?

AUFGEGRIFFEN

Internet- und Computergebrauch bei Kindern und Jugendlichen: Begründete Gefahr oder übertriebene Befürchtungen?

Von Dr. Jörg Petry
 
Eine diskussionswürdige repräsentative Forsa-Umfrage zum Internet- und Computergebrauch bei Kindern und Jugendlichen wurde von der  Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) in Auftrag gegeben und im November 2015 veröffentlicht (DAK Gesundheit (Hrsg.): Internetsucht im Kinderzimmer). Dazu wurden 1.000 Mütter und Väter mit Kindern zwischen 12 und 17 Jahren im August 2015 mittels computergestützten Telefon-Interviews befragt [Download der Studie]. Nachfolgend finden sich eine Zusammenfassung der Studie sowie einen Kommentar.
 
Die Fakten
Laut der Studienergebnisse nutzen Kinder und Jugendliche das Internet an Werktagen durchschnittlich 2,6 Stunden und an Wochenenden 3,7 Stunden. Der Anfang einer selbstständigen Nutzung liegt im Durchschnitt bei ca. 11,6 Jahren. Dabei verteilen sich die Aktivitäten hauptsächlich  auf die Bereiche Videokonsum (29 %), gamen (29 %), chatten (28 %) und soziale Netzwerke (10%). Eltern geben ihren Kindern zumeist Regeln hinsichtlich Zeit (49 %), Ort (29 %),  Inhalt (68 %) und Nutzungsart (40 %) vor. Diese Regeln werden zu 42 % „voll und ganz“ und zu 47 % „eher konsequent“ umgesetzt.
 
Nach Meinung der Eltern bleiben bis zu 49 % der Kinder und Jugendlichen länger online, als  sie sich dieses zuvor vorgenommen hatten. Es gibt „manchmal“ (23 %) und „häufig“ (12 %) Streit über die Internetnutzung. 43% der Eltern haben schon einmal Informations- und Beratungsangebote zur Internetnutzung ihrer Kinder genutzt.
 
Kinder von Alleinerziehenden zeigen eine überdurchschnittliche tägliche Nutzungsdauer von 3,4 Stunden an Werktagen bzw. 4,5 Stunden am Wochenende. Mädchen Chatten häufiger (42 % vs. 16 %) und Jungen Gamen häufiger (43 % vs. 12 %). Eltern mit Hauptschulabschluss geben weniger zeitliche Regeln (42 % vs. 54 %) und Eltern mit Abitur weniger inhaltliche Regeln (63 % vs. 72 %) vor.
 
Pressereaktionen auf die  Studie
Die  „Neue Westfälische“ titelte am 1. Dezember  2015 dazu: „Internet-Sucht schleicht sich in die Kinderzimmer“ und  „Focus-Online“ meldete am 30. November 2015: „Fünf Prozent der Kinder droht Internet-Sucht“. Die Nachrichten-App des Bayerischen Rundfunk „BR24“ titelte: „Fünf Prozent aller Kinder sind internetsüchtig.“ und die „Badische Zeitung“ vom 1.Dezember 2015 schrieb: „Studie: 300.000 Kinder und Jugendliche sind internetsüchtig.“
 
Kommentar
 
Methodische Bedenken
Bei der Studie handelt es sich um die Befragung von Eltern über Ihre Kinder. Eltern neigen jedoch zu einer Überschätzung des problematischen Internetgebrauchs ihrer Kinder. So zeigte die Untersuchung von Prof. R. Kammerl und Mitarbeitern (Exzessive Internetnutzung in Familien. Lengerich: Pabst Verlag, 2012, S. 116), dass aus der Elternperspektive 22,8 % der Kinder und Jugendlichen eine problematische Internetnutzung aufweisen, was sich jedoch nur bei 6,1 % mit der Sichtweise sowohl der Jugendlichen als auch der Forscher deckte.
 
Bei einer Stichprobe von 1.000 Personen lassen sich mit Hilfe weniger Fragen zur Fremdeinschätzung keine Prozentzahlen oder gar absolute Zahlen ableiten. Wenn es sich um eine Größenordnung im niedrigen einstelligen Prozentbereich handelt  kommt es vielmehr zu einer systematischen Überschätzung der untersuchten Problematik (A. Uhl, 2014: Populär aber irreführend. Sucht, 60(2), 123 – 125).
 
Bei Selbstauskünften und erst recht bei Fremdauskünften wird lediglich die subjektive Perspektive der Befragten erfasst. Es bedarf deshalb immer einer Überprüfung der Angaben durch eine fachärztliche und fachpsychologische Untersuchung der betroffenen Person, um eine Diagnose wie „Computersucht“ stellen zu können.
 
Nach jugendpsychiatrischer Lehrmeinung dürfen vor dem 18. Lebensjahr keine Erwachsenendiagnosen - wozu auch Suchterkrankungen gehören - gestellt werden, da die meisten Probleme bei Heranwachsenden vorübergehender Natur sind. So zeigte sich in einer Untersuchung des Computerspielgebrauchs von 891 Heranwachsenden in keinem einzigen Fall eine über zwei Jahre stabile „Internetsucht“ (M. Scharkow und Mitarbeiter, 2014: Longitudinal patterns of problematic computer game use among adolescents and younger and older adults. Addiction, 108(3), 592 -599).
 
Fazit
 In einer kulturellen Umbruchphase der Kommunikationsformen wären zunächst Gelassenheit und keine pessimistischen Bewertungen angebracht. Unsere Gesellschaft muss neue Regeln im Umgang mit den neuen Medien in Schule, Beruf, Familie und in der Freizeit finden, um mögliche Probleme einzuschränken. Dabei müssen besorgten Eltern ausreichende Beratungsangebote zur Verfügung stehen und die Schulen in die Lage versetzt werden, den Umgang mit den neuen Medien kompetent zu lehren.
 
Die in der DAK-Studie erhobenen durchschnittlichen Nutzungsdauern, die noch unter dem bei Erwachsenen üblichen Fernsehkonsum liegen, sind als alterskonform einzustufen. Nach den jährlichen Befragungen von Jugendlichen (JIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, zuletzt 2015) erfolgt dies auch nicht auf Kosten sonstiger sportlicher, musikalischer oder ehrenamtlicher Aktivitäten sowie sozialer und familiärer Kontakte.
 
Eltern beginnen damit, Regeln im Umgang mit dem PC/Internet einzuführen. Ob dies gelingt, hängt vor allem von dem Zusammenspiel der wirtschaftlichen Lage der Familie und der Qualität der familiären Beziehungen ab. Kinder aus finanziell benachteiligten Elternhäusern (z. B. fehlende alternative Freizeitmöglichkeiten), in denen gleichzeitig belastende Beziehungsmuster (z. B. häufiger Streit) bestehen, werden eher dem Einfluss der Medien (zunächst Fernsehen, später PC/Internet) überlassen.
 
Aus einer Längsschnittstudie (I. Paus-Hasebrik, 2015: Mediensozialisation in sozial benachteiligten Familien. Merz, 59(2), 17 -25), die vom Kindergartenalter bis in die Schulzeit hinein reichte, leitet die Autorin ab, dass keine ausreichende Medienerziehung mit gezielten Ge- und Verboten in den Familie stattfindet. Dabei  bedürfen Alleinerziehende, Großfamilien und Migrationsfamilien einer verstärkten Unterstützung durch öffentliche Instanzen. Bemerkenswert ist, dass in wirtschaftlich schwächer gestellte Familien, die gefühlsmäßig positive Beziehungen aufweisen, zumeist keine solche Problematik auftritt.
 
Es ist zu begrüßen, dass die DAK als gesetzliche Krankenversicherung eine solche Studie in Auftrag gegeben hat, da wir noch nicht genug über den Einfluss der neuen Medien auf Kinder und Jugendliche wissen. Bei der Veröffentlichung ist aber zu bedenken, dass die Gefahr einer Dramatisierung, insbesondere bei der verkürzten Darstellung und Interpretation der Ergebnisse in der Presse, besteht. Auch die durchführenden Forscher sollten bei der Darstellung ihrer Befunde deshalb verstärkt die bestehenden Grenzen der angewandten Untersuchdungsmethoden betonen.

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